Liebe nicht erwünscht - Kapitel 2


Die Zugfahrt endete schnell weil ich die meiste Zeit nach diesem peinlichen Zwischenfall geschlafen hatte. Angekommen im Hauptbahnhof suchte ich erstmal einen Drogeriemarkt um mir Shampoo und Deo zu kaufen, so wie ich momentan roch würde mir kein Hotel ein Zimmer geben. Schnell fand ich die strahlend stechende Aufschrift einer Drogeriemarkt Kette und ging rein. Ich mochte Drogerien, sie rochen immer so gut und hatten so viele bunte Sachen, man war fast überfordert. Meine Mutter hielt nichts von billiger Schminke aus diesen Läden, sie kaufte nur hochwertige Produkte. Sie war eine echte Lady, die den großen Luxus liebte. Ohne meinen Vater würde sie sich den mit ihrem 0815 Bürojob doch garnicht leisten können, wahrscheinlich hing sie deswegen so an ihm obwohl er ein echtes Arschloch war. Noch während ich nach einem brauchbaren Deo suchte, hing mir doch tatsächlich ein Shopping Detektiv an den Fersen, der wohl dachte, ich würde billiges Deo stehlen wollen. Das war echt übel, ob es an meinen  vollgekotzten Sachen lag, an meinem bequemen Outfit oder an der hässlichen Sporttasche? Es war wahrscheinlich das Gesamtbild. Wie oberflächlich, so mussten sich Obdachlose fühlen. Ich griff mir das Deo und ging rüber zu den Shampoos, selbstverständlich dicht gefolgt von dem dicken Mann im billigen Anzug. ,, Wow, sie machen ihren Job ja toll. Laufen einem nach Kotze riechenden Mädel hinterher, während die 2 Tussen da drüben sich die ganze Zeit Tester in die Tasche schmeißen.'' Ich deutete hinter ihm auf die Schmink Theke, wo zwei aufgebrezelte Tussen abgegrabbelte Tester stahlen. Er ging mit schnellem Schritt zu ihnen rüber, aber den Rest bekam ich nicht mehr mit weil ich zur Kasse ging. Ich wollte sie ja nicht verpetzen, das ging mich nichts an. Aber ich war genervt, müde und zweifelte langsam ein wenig daran ob das alles eine richtige Entscheidung gewesen war.

Auf der Toilette im Hauptbahnhof staunten die Leute nicht schlecht, als ich mich neben dem Waschbecken umzog und mir die Haare im Waschbecken wusch. Ich schlüpfte aus meiner vollgekotzten Strickjacke, und schmiss diese gleich in den Papier Müll, zog meine Jeans und das Shirt ebenfalls aus und zog stattdessen eine schwarze Strumpfhose und ein süßes Kleid an, dazu natürlich meine bequemen geliebten Chucks. Ich föhnte meine langen Haare unter dem Handtrockner und trug ein wenig Mascara und Lipgloss auf. Na, wer sagt's denn - so kann man die Welt doch erobern. Ich fühlte mich gleich besser und nahm ein Taxi Richtung das nächste Mittelpreisige Hotel. Ich landete in einer Hotelkette und checkte ein. Es war nicht super glamourös, aber es war modern und sauber und reichte bis ich eine Wohnung oder immerhin eine WG gefunden hatte, in der ich leben konnte. In meinem Zimmer angekommen, schmiss ich meine schwere Sporttasche auf den Boden und ließ mich müde ins Bett fallen. Es war bereits Abend und ich hatte nichts außer einem Brötchen gegessen - welches ich anschließend auch noch ausgekotzt hatte. Ich war defintiv zu kaputt um nach etwas Essbaren zu suchen, also schaltete ich den Fernseher an und aß die Snickers, die auf dem Nachttisch lagen als Begrüßungs Geschenk. Ich hasste Snickers, doch sie schmecken heute himmlisch. Ich wusste nicht wie lange ich so da lag, doch irgendwann schlief ich ein und wachte erst am nächsten morgen wieder auf.

Das Frühstück im Hotel war ein Traum. Es gab Bacon, Ei, Käse, Müsli und vieles mehr. Ich aß ein paar scheiben Bacon und Müsli mit Früchten. Gleich nach dem Frühstück nahm ich mir vor, in der Stadt nach einem Job in einem Restaurant oder Shop zu suchen doch das stellte sich als schwieriger heraus, als ich gedacht hatte. Obwohl die Innenstadt in Köln ziemlich groß war, waren die meisten Stellen schon seit Januar vergeben. Nach 3 Stunden gab ich die Suche erstmal auf und setzte mich auf eine Bank in der Stadt. Die Sonne schien das erste mal seit Wochen richtig hell und der Himmel war strahlend blau, man könnte fast meinen es wäre Frühling und nicht mehr Winter. Ich weiß nicht ob es an dem Wetter liegt, oder an Köln aber plötzlich musste ich lächeln. Ich fühlte mich frei, das erste Mal seit Monaten. Die letzten Monate in meinem Leben waren die reinste Hölle, aber ich wollte heute nicht mehr darüber nachdenken sondern einfach nur genießen und Leben. Ich schaltete mein Handy ein und mein ganzer SMS Ordner war randvoll. Die meisten waren von meiner Mutter, die sich schreckliche Sorgen machte und mich darüber in Kentniss setzte, wie enttäuscht mein Vater war weil er dachte, irgendwann würde mal mehr aus mir werden. Das war klar, das sagte er immer. Beverly, die nichts auf die Reihe bekam. Beverly, die immer nur alles verbockte. Beverly, das Problemkind. Ich beschloss, meiner Mutter eine kurze SMS zu schreiben:

An: Mama
Von: Beverly
Hey, mir geht's gut ich habe bereits einen coolen Job in einm angesagten Schuhladen gefunden. Hier sind super liebe Mädels, bei denen ich in einer WG leben kann, toll oder? Grüß Luki von mir, ich vermisse ihn.


Natürlich war all das gelogen, aber ich wollte ihr nicht von meiner heutigen Niederlage erzählen. Genau genommen war es ja garnicht gelogen, es ist nur noch nicht geschehen. Ich fuhr mit einem Bus zurück ins Hotel, zum Glück gab es Bahn Apps und Navigations Apps auf dem Handy, wie haben die Leute bloß davor überlebt? Der Tag war wieder fast gelaufen und so wirklich hatte ich nichts geschafft außer mich ein wenig mit der Kölner Innenstadt vertraut zu machen.

So liefen auch die nächsten Tage, doch das Geld wurde täglich knapper dank der hohen Hotelrechnung. Das Hotel war mit 50 Euro pro Nacht überhaupt nicht teuer, dennoch war mein Budget begrenzt und langsam gingen mir auch die sauberen Klamotten aus. Ich würde wohl oder übel ein Waschsalon aufsuchen müssen. Ich war bereist 2 Wochen in Köln und habe weder Menschen kennen  gelernt, noch habe ich einen Job gefunden. Was in Filmen und Serien so einfach klang, war im echten Leben eine echte Herausforderung. Ich konnte nicht verbergen wie niedergeschlagen ich war, der Gedanke zurück in meine Heimatstadt zu kommen und meine Eltern um Geld anzubetteln war so schrecklich, dass ich daran garnicht denken mochte. Sie würden es mir geben, aber ich müsste mir tagtäglich anhören was ich doch für eine maßlose Enttäuschung für die Familie war. Genug, ich brauchte einen Job und zwar dringend! Obwohl ich am Mittag bereits in der Stadt rumgefragt hatte, beschloss ich am Abend erneut loszufahren und es in den Bars zu versuchen. Ich zog mir mein letztes sexy Outfit an, ein Crop Top mit einer heißen engen Jeans. Meine langen Haare band ich zu einem strengen Zopf und ich trug roten Lippenstift auf. Leider hatte ich keine hohen Schuhe mit, also kombinierte ich dazu mein Chucks und meine schwarze Daunenjacke. 

Diesmal fuhr ich mit dem Taxi, denn ich war fest entschlossen heute Abend nicht mit leeren Händen zurück zu kehren. Das Taxi hielt in einer Straße, wo es sehr viele Bars und Lounges gab. Ich versuchtemein Glück in einer modern aussehnden Bar mit einer lilanen Beleuchtung. ,, Suchen sie einen Platz zum sitzen?'', fragte mich eine hübsche blonde Kellnerin. ,, Nein, ich suche einen Job.'', sagte ich bestimmend und presste die Lippen aneinander. Tagelang hatte ich es mit lieben Floskeln versucht, doch heute hatte ich die liebe süße Beverly mit ihrem unschuldigen Lächeln satt. Sie lächelte überraschenderweise freundlich und sagte: ,, Setz dich an dir Bar, Jonathan gibt dir einen Drink aus. Ich hole meinen Chef.'' Wow, ging doch. Ich setzte mich an die besagte Bar und erntete ein freundliches Lächeln von dem Mann, der mir als Jonathan vorgestellt wurde. ,, Studierst du auch? Was möchtest du trinken?'', fragte der Mann mit dem Milchbubi Gesicht. Er passte nicht gut in den Laden, doch er konnte wohl tolle Drinks zaubern. ,, Einen Vodka Energy bitte. Nein, ich bin hierher gezogen kürzlich und brauche Geld.'' Er gab mir die gelbe Flüssigkeit und ich nahm einen großen Schluck. ,, Wegen der Liebe?'' ,, Nein, wie kommst du denn darauf?'', gab ich zischend zurück. ,, Naja, die meisten Frauen ziehen der Liebe wegen in eine andere Stadt. Tut mir Leid, wenn ich falsch lag.'' Er lächelte mich entschuldigend an und ich ließ die Schultern hängen. ,, Nein, um ehrlich zu sein habe ich genug von der Liebe. Mein Exfreund hat vor einem Monat mit mir Schluss gemacht, weil er meinte, er würde sich lieber austoben wollen und feste Beziehungen wären nicht so sein Ding. Nach 1 1/2 Jahren Beziehung kam er urplötzlich zu dem Entschluss. Am darauf folgenden Tag habe ich ihn im Club gesehen mit einer blonden Schlampe, die auf seinem Schoß saß. Ich weiß nicht ob es die verletzten Gefühle waren, oder der Vodka, aber ich sagte ich wolle noch ein letztes Mal mit ihm reden. Dann hatten wir auf dem Klo Sex und ich habe mich noch nie so schmutzig gefühlt. Irgendwie wollte ich ihm beweisen, dass es ein Fehler war mich gehen zu lassen. Das Ende der Geschichte war, dass er sich danach nicht mehr gemeldet oder auf meine Anrufe reagiert hatte. Er hatte mich also nur ausgenutzt um Druck abzulassen.'' Ich war so in der Vergangenheit vertieft, dass ich Jonathan, dem ich das alles erzählt hatte, ausgeblendet hatte. ,, Im Grunde hat er dich nicht ausgenutzt, er hat dir ja nicht versprochen dass ihr nach dem Sex wieder zusammen kommt, oder?'' Plötzlich war ich wieder im hier und jetzt. ,, Wie bitte?'', gab ich ungläubig und wütend zurück. Jonathan hob beschwichtigend die Hände. ,, Ähm, sorry, aber er hat dir doch nichts versprochen. Und wenn ich so eine heiße Exfreundin wie dich hätte, hätte ich wohl auch nicht nein gesagt. Ist blöd gelaufen weil du dir etwas anderes daurch erhofft hattest, aber shit happens. Steh drüber und mach weiter.'' Ich nahm einen großen Schluck von der bittersüßen Flüssigkeit in meinem Glas. 

Wenig Später kam ein großer in schwarz gekleideter Mann mit dunklen Haaren und mindestens 5 silbernen Ringen an der Hand. ,, Molly sagte, du suchst einen Job?'' Ich nickte schnell. ,, Ja, unbedingt, ich brauche dringend Geld.'' Der Blick, den er mir dann zuwarf, kannte ich nur zu gut. ,, Nein, tut mir Leid wir sind restlos voll.'' ,, Oh bitte, ich brauche diesen Job. Ich bin kürzlich hier her gezogen und habe weder eine Bleibe noch einen Job!'' Der Mann atmete tief aus und spielte an seinen silbernen Ringen. ,, Du bist sehr hübsch. Ich kenne da jemanden, der sucht immer Mädels und man verdient ganz gut. Der hat eine Bar, die Straße runter. Sagt dir Pole Dance was?'' Ich sah ihn mit großen Augen an. Hatte er wirklich Pole Dance gesagt? ,, Ähm ja, aber nein danke. So etwas mache ich defintiv nicht. Außerdem .. Nein, defintiv nein.'' ,, Das verstehe ich, aber leider kann ich dir nichts anbieten. Falls du es dir doch anders überlegen solltest, sag du kommst von Kai. Er ist echt korrekt, dafür bürge ich.'' Wortlos verließ ich den Laden. ,, Komm doch bald mal wieder, wenn du einen Drink brauchst!'', rief Jonathan mir freundlich hinterher. Ohne mich umzudrehen reckte ich ihm den Mittelfinger entgegen.

Wie konnte er nur glauben, ich würde mich für Geld ausziehen? Nur über meine Leiche. Zumal wahrscheinlich kein Mensch Geld dafür ausgeben würde, sich mein B-Körbchen beim Wackeln anzusehen. Völlig ausgeschlossen. Ich fuhr mit dem Taxi heim und hatte nichts erreicht. Die Taxifahrt kostete insgesamt 50 Euro, die ich wieder ärmer war. Mir liefen die Tränen über die Wangen während ich aus dem Fenster sah. Es begann zu regnen, wie passend. Im Hotel angekommen packte ich langsam und müde meine schmutzige Wäsche zurück in meine Sporttasche. Ich würde morgen wieder heimfahren, würde irgendwie versuchen meinen Job bei Frau Hagenberg zurück zu bekomen. Ich nahm die Tasche in die Hand und sie riss mir von unten auf, so dass alle Klamotten zurück auf den Boden fielen. Das war wahrscheinlich der Tropfen, der das Fass zum überaufen gebracht hatte denn ich begann hemmungslos zu weinen und fiel auf die Knie. Nie zuvor hatte ich mich so einsam gefühlt wie heute. Vielleicht hatte mein Vater recht und ich wahr wirklich eine Versagerin auf voller Linie. Nicht einmal einen billigen Job bekam ich. ,, Selbstmitleid bringt dich auch nicht weiter'', hörte ich meinen Vater in meinem Kopf sagen. ,, Ach, sei doch leise.'', sagte ich laut zurück. Würde mich jetzt jemand so sehen, allein mit mir selbst sprechend, würde er wahrscheinlich denken ich wäre verrückt. Vielleicht war ich das ja auch, wer wusste das schon. Verrückt genug mir den ganzen Unsinn hier eingebrockt zu haben, war ich allemal.

Kommentare:

  1. Ich bin so gefesselt von deiner Story, dass ich mich jedesmal ärgere wenn sie zu Ende ist :) Super spannend ❤

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  2. Deine Geschichte ist so gut geschrieben ❤

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  3. Sehr schöne Geschichte, bitte mehr davon! :)

    Liebe Grüße
    Jimena von littlethingcalledlove.de

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  4. Vielleicht wird ein Verlag ja auf deine Geschichte aufmerksam, und du kannst ein Buch daraus machen :) Du schreibst so gut und spannend <3

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